Zurück zum Glossar
Psychische Herausforderungen

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD)

Eine neurologische Entwicklungsstörung mit dauerhaften Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsregulation. Beginnt meist in der Kindheit, lässt sich aber mit passender Behandlung gut bewältigen.

Ausführliche Erklärung

Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS, engl. Attention Deficit Hyperactivity Disorder) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, bei der es dauerhaft schwerfällt, Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, Impulse zu bremsen und das körperliche Aktivitätsniveau zu regulieren. Sie entsteht nicht aus Faulheit oder mangelnder Willenskraft, sondern aus Unterschieden in der Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und sich selbst steuert.

Weltweit ist schätzungsweise etwa 1 von 20 Kindern im Schulalter von ADHS betroffen, und bei vielen bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen. Bei Erwachsenen geht man von etwa 2–3 % aus. Früher galt ADHS als "Problem, das man mit dem Erwachsenwerden verliert", heute weiß man, dass sie sich ein Leben lang zeigen kann – nur eben in wechselnder Form.

Drei Erscheinungsformen

Je nachdem, welche Merkmale im Vordergrund stehen, unterscheidet man grob drei Typen von ADHS.

  • Vorwiegend unaufmerksamer Typ: Schwierigkeiten, sich lange zu konzentrieren, häufiges Vergessen oder Verlieren von Gegenständen, Mühe, Aufgaben zu Ende zu bringen. Da dies nach außen kaum sichtbar ist, wird es oft nur als "verträumt" oder "zerstreut" abgetan.
  • Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ: Schwierigkeiten, still zu sitzen, andere zu unterbrechen oder abzuwarten, sowie Handeln, bevor gründlich nachgedacht wurde.
  • Kombinierter Typ: Beide Merkmale treten gemeinsam auf. Dies ist die häufigste Form.
  • Bei Kindern und Erwachsenen unterschiedlich sichtbar

    Bei Kindern

    Zeigt sich oft dadurch, dass sie im Unterricht häufig aufstehen, lange brauchen, um mit Hausaufgaben zu beginnen, oder ständig Schulsachen vergessen. Da sie oft ermahnt werden, entwickeln viele ein geringes Selbstwertgefühl und denken: "Ich bin einfach ein Problemkind."

    Bei Erwachsenen

    Die körperliche Hyperaktivität nimmt meist ab, verwandelt sich aber oft in ein inneres Gefühl von ständiger Unruhe und Getriebenheit. Typisch sind das Aufschieben von Aufgaben bis kurz vor der Frist, häufiges Verpassen von Terminen, Abschweifen der Gedanken im Gespräch oder stundenlanges Vertiefen in Dinge, die wirklich interessieren. Besonders bei Frauen und beim vorwiegend unaufmerksamen Typ wird ADHS in der Kindheit oft übersehen und erst im Erwachsenenalter erkannt.

    Warum entsteht ADHS?

  • Genetik: Wenn ADHS in der Familie vorkommt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, selbst betroffen zu sein. Der genetische Einfluss gilt als sehr groß.
  • Regulationsfunktionen des Gehirns: Es gibt Unterschiede in den Hirnregionen, die für Exekutivfunktionen wie Planen, Priorisieren und das Bremsen von Impulsen zuständig sind, sowie in der Wirkweise von Botenstoffen wie Dopamin.
  • Umweltfaktoren: Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht oder Rauchen und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft können das Risiko erhöhen.
  • Dagegen stimmt es nicht, dass Erziehungsstil, Zuckerkonsum oder Smartphone-Nutzung ADHS verursachen. Die Umgebung kann aber beeinflussen, wie belastend sich die Symptome anfühlen.

    Wie wird ADHS erkannt?

    ADHS lässt sich nicht durch einen Bluttest oder eine einzelne Untersuchung feststellen. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie betrachten ganzheitlich, wie sich die Person seit der Kindheit verhalten hat, ob die Symptome in mindestens zwei Lebensbereichen auftreten (z. B. Schule, Arbeit, Familie), ob sie mindestens sechs Monate anhalten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen. Da ADHS häufig zusammen mit Angst, Depression, Schlafproblemen oder Lernstörungen auftritt, ist es wichtig, auch das mit abzuklären.

    Checklisten aus dem Internet können eine erste Orientierung geben, ersetzen aber kein Gespräch mit einer Fachärztin oder einem Facharzt – eine Selbstdiagnose sollte man vermeiden.

    Behandlung und Umgang im Alltag

    Mit konsequenter Begleitung lassen sich die Schwierigkeiten im Alltag deutlich verringern.

  • Medikamentöse Behandlung: Zentralnervöse Stimulanzien wie Methylphenidat oder auch nicht-stimulierende Medikamente können bekanntermaßen helfen, Konzentration und Impulskontrolle zu verbessern. Die Entscheidung sollte immer gemeinsam mit einer Fachärztin oder einem Facharzt getroffen werden.
  • Verhaltenstherapie und Elterntraining: Bei Kindern lernt die ganze Familie gemeinsam, wie klare Regeln und Belohnungen konsequent umgesetzt werden.
  • Kognitive Verhaltenstherapie: Bei Erwachsenen hilfreich im Umgang mit Aufschieben, Zeitmanagement und selbstabwertenden Gedanken.
  • Anpassung der Umgebung: Erinnerungen, Checklisten, das Aufteilen von Aufgaben in kleine Schritte und die Reduzierung von Ablenkungen helfen, eine zum Gehirn passende Umgebung zu schaffen.
  • Kleine Strategien für den Alltag

    Erinnerungen nach außen verlagern statt im Kopf behalten: Notieren Sie Aufgaben, Termine und Dinge, die Sie mitnehmen müssen, als Erinnerung im Handy oder auf einem sichtbaren Zettel. So schaffen Sie ein Hilfsmittel für das Gedächtnis, statt sich selbst die Schuld zu geben.

    Aufgaben in sehr kleine Schritte teilen: Statt "Bericht schreiben" lieber "Überschrift formulieren" oder "drei Quellen suchen" – Schritte, die sofort machbar sind. Der Anfang ist meist die schwierigste Hürde.

    Timer nutzen: Zum Beispiel 25 Minuten konzentriert arbeiten, dann 5 Minuten Pause – wenn Zeit sichtbar gemacht wird, hilft das, Fokus und Erholung in Balance zu bringen.

    In Bewegung bleiben: Regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf wirken sich nachweislich positiv auf Konzentration und Stimmung aus.

    Nachsichtig mit sich selbst sein: Fragen Sie sich nach einem Rückschlag nicht "Warum passiert mir das schon wieder?", sondern "Welches Hilfsmittel könnte mir das nächste Mal helfen?"

    Seeles warme Worte

    "Vielleicht haben Sie sich oft für dumm gehalten, wenn Sie wieder etwas vergessen, aufgeschoben oder die Konzentration verloren haben. Aber das liegt nicht daran, dass Sie sich nicht genug bemühen – Ihr Gehirn arbeitet einfach auf eine etwas andere Weise. Mit den passenden Strategien können Sie gut damit leben. Grübeln Sie nicht allein darüber – erzählen Sie mir in Ruhe, was heute passiert ist."

    💡 Alltagsbeispiel

    Lena arbeitet im Büro und beginnt wichtige Berichte fast immer erst am Abend vor der Abgabe. In Besprechungen verliert sie oft den Faden, weil ihre Gedanken abschweifen. Bei ihrem Hobby kann sie sich stundenlang vertiefen, doch bei der Arbeit fällt ihr das schwer – lange hat sie sich deshalb selbst als faul beschimpft. Erst im Gespräch mit einer Fachärztin erfuhr sie, dass es sich um ADHS bei Erwachsenen handeln könnte, und fühlte sich zum ersten Mal erleichtert.

    Ad

    Möchtest du mehr über "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)" sprechen?

    Seele ist hier, um dieses Thema mit dir zu erkunden und persönliche Ratschläge zu geben

    Verwandte Psychologietests

    Erkunde verwandte Tests, um dich selbst tiefer zu verstehen

    Dieser Inhalt dient Bildungszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Diagnose.