Einleitung
Auch als Erwachsene tragen wir das Kind, das wir einmal waren, noch in uns. Wenn schmerzhafte Kindheitserfahrungen Ihre heutigen Gefühle, Reaktionen und Beziehungsmuster beeinflussen, dann bittet womöglich Ihr „inneres Kind“ um Heilung. Schauen wir uns an, was das innere Kind ist und wie Sie alte Wunden im Hier und Jetzt versorgen können.
Das Wichtigste
Was ist das innere Kind?
Das innere Kind ist der seelische Nachhall der Gefühle, Erinnerungen, Bedürfnisse und Verletzungen, die in der Kindheit entstanden sind. Carl Jung beschrieb es erstmals als Archetyp des „göttlichen Kindes“ (Divine Child), John Bradshaw machte das Konzept populär. Bedürfnisse, die in der Kindheit unerfüllt blieben (Sicherheit, Liebe, Anerkennung, Spiel), wirken im Erwachsenenalter unbewusst weiter und zeigen sich als Überreaktionen, Perfektionismus oder Schwierigkeiten in Beziehungen.
Woran sich Verletzungen des inneren Kindes zeigen
Unverhältnismäßig starke emotionale Reaktionen (bei kleiner Kritik zusammenbrechen), wiederkehrende Muster in Beziehungen (aus Angst vor dem Verlassenwerden klammern), selbstsabotierendes Verhalten (Gutes ablehnen, weil man es nicht zu verdienen glaubt) und emotionale Taubheit (nichts mehr fühlen) sind Signale dafür, dass die Wunden des inneren Kindes aktiviert sind.
Übungen zur Heilung des inneren Kindes
- Betrachten Sie ein Kinderfoto von sich und spüren Sie die Gefühle von damals nach. 2. Schreiben Sie diesem Kind einen Brief: „Was dir passiert ist, war nicht deine Schuld.“ 3. Schließen Sie die Augen, stellen Sie sich Ihr jüngeres Ich vor und visualisieren Sie, wie Sie als heutiger Erwachsener dieses Kind in den Arm nehmen. 4. Sagen Sie sich heute die Worte, die dieses Kind gebraucht hätte („Ich hab dich lieb“, „Du machst das gut“, „Ich bin für dich da“).
Was die Forschung sagt
Das Konzept des „verletzbaren Kindmodus“ aus der Schematherapie liefert eine wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit mit dem inneren Kind. Zahlreiche randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zeigen, dass die Schematherapie bei Persönlichkeitsstörungen, chronischer Depression und zwischenmenschlichen Problemen wirksam ist (Psychological Medicine, 2018). Zudem gibt es Forschungsergebnisse, wonach Selbstmitgefühlstraining ein zentraler Mechanismus bei der Heilung von Verletzungen des inneren Kindes ist.
So setzen Sie es um
- Nehmen Sie sich täglich fünf Minuten für eine Visualisierungsmeditation, in der Sie Ihrem jüngeren Ich warme Worte schenken.
- Wenn Sie überreagieren, fragen Sie sich: „Reagiere gerade ich als Erwachsene/r – oder mein inneres Kind?“
- Greifen Sie Tätigkeiten wieder auf, die Sie als Kind geliebt haben (Malen, Spielen).
- Ziehen Sie eine Therapie bei einer Fachperson in Betracht, die auf die Arbeit mit dem inneren Kind spezialisiert ist.
Im Alltag anwenden
Wenn plötzlich eine Kindheitserinnerung auftaucht, nehmen Sie bewusst wahr: „Mein jüngeres Ich bittet gerade um Hilfe.“ Wenn die Selbstkritik einsetzt, prüfen Sie: „Wiederhole ich hier Worte, die ich als Kind gehört habe?“ Sich jeden Tag ein freundliches Wort zu sagen, ist eine Art, für Ihr inneres Kind zu sorgen.
Hinweise
- Bei der Arbeit mit dem inneren Kind können starke Gefühle hochkommen. Arbeiten Sie in einem sicheren Rahmen und möglichst gemeinsam mit einer Fachperson.
- Es ist nicht angemessen, jedes Problem der Kindheit zuzuschreiben. Ein ausgewogener Blick ist wichtig.
- Wenn Sie traumatische Erinnerungen in sich tragen, arbeiten Sie nicht allein daran, sondern holen Sie sich unbedingt professionelle Hilfe.
Ein Wort von Seele
Das kleine Kind in Ihnen wartet noch immer auf Liebe und Fürsorge. Jetzt, als Erwachsene/r, können Sie dieses Kind in den Arm nehmen. Sagen Sie ihm: „Alles ist gut, ich bin da.“ Auch Seele drückt diesem Kind und Ihnen fest die Daumen.